Die Befreiung des Hörens
Ein Beitrag von Winfried Lintzen.
Die Befreiung des Hörens
Stichwort zur Anregung einer Entmystifizierung der Musik Skrjabins
Mein Vater stammte aus einer Arbeiterfamilie. Er wurde Lehrer aber kein Bildungsbürger. Daher war sein Sinn für Musik wohl nicht so stark entwickelt: Er hörte beim Nachsehen der Klassenarbeiten Klassische Musik aus dem Radio. Da war ich zwischen 4 und 6. Ich fand diese Musik ganz eigentümlich „angenehm“, kuschelte mich in einen riesigen Sessel und wollte nichts anderes, bis das Radio schwieg. – So kam es, dass ich – im Gegensatz zu meinem Vater - klassische Musik nicht mal hören kann, wenn ich alleine frühstücke: ich krieg dann keinen Bissen mehr runter weil ich nur noch zuhören will. Das habe ich meinem Vater zu verdanken.
Ab meinem sechsten Lebensjahr hörte mein Vater keine Musik mehr beim Heftenachsehen. Ich hörte auch keine mehr, außer unendliche Wiederholungen des Rondos alle turca, das meine Schwester auf dem Klavier üben mußte. (Unsere Mutter stammte nicht aus einer Arbeiterfamilie und hatte bildungsbürgerliche Ambitionen.)
Die Offenbarung hatte ich mit 14: Ich hörte zufällig Schuberts f-moll-Fantasie am Radio. Da hatte ich zum ersten Mal im Leben das Gefühl, „Das kann doch nicht wahr sein!“ – Von da an war ich fast täglich Gast am Radio. Mich interessierte die Musik, nicht das Drumherum. Daß Schubert mit 32 an Syphilis verstarb las ich erst Jahre später, weil man sich kaum mit Schubert beschäftigen kann, ohne das irgendwann zu lesen.
Seit ich 15 bin höre ich Skrjabin. Damals, ich glaub es war 1976, kam in WDR eine Dokumentation: „Die Sonaten Skrjabins“. – (Es ist eigenartig, dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk nie wieder solche kleinen Schätze hervorgebracht hat, obwohl genau das doch sein Auftrag ist.)
Als ich die späten Sonaten zum ersten Mal hörte – ganz naiv – dachte ich: ich flieg weg, in eine weite unberührte Welt. - Daß Skrjabin sich der Theosophie ergeben hatte, davon wußte ich nichts, nichts von diesem ganzen anekdotistischen Mystifizierungsrummel um seine Person und seine Pläne. Ich hatte nur seine Musik und ich wollte nur in jene Welt; mit Worten um die Pforte zu dieser Welt herumzutanzen wäre mir vorgekommen wie eine merkwürdige Ersatzhandlung.
Ich erinnere mich an Konzertkritiken in den Zeitungen, die Botschaft ging regelmäßig in die Richtung: diese Musik könne ihren Anspruch nicht einlösen und habe keine Zukunft. – Ja, so war das noch in den Siebzigern! - Mich verunsicherte das, aber ich glaubte es nicht. Ich glaubte meinen Ohren.
Ich bin froh, früh und ganz naiv „für mich“ Skrjabin entdeckt zu haben, ohne Einführungen in seine Biographie und seine esoterischen Umtriebigkeiten. Das erleichtert mir, diese Musik so zu hören, als wäre sie anonym veröffentlicht worden und wir wüßten nicht das Geringste darüber, wer die Musik komponiert hat und welche Gedanken er (oder sie) selber mit dieser Musik verband. Und anders als so möchte ich diese Musik nicht hören.
Vollends nachteilig und irreführend finde ich, wenn Leute Skrjabins Äußerungen über eines seiner Werke analog auf andere Werke übertragen. Nein, die eine Sonate ist nicht das Gegenteil der andern! Das ist ganz großer Quatsch! Genau so ein Quatsch wie der Titel „Mondscheinsonate“! - Und regelrecht närrisch wird es, wenn Leute, ausgehend von solchen „Labels“, die nicht mal vom Komponisten selber stammen, Erklärungen darüber abgeben, was in der Musik geschieht.
Was ist eigentlich so schwer daran, über diese Musik zu schweigen?
Für sinnvoll halte ich bloß, das Hören für Ungeübte zu erleichtern, indem grobe formale Orientierungen gegeben werden, damit sich das Hören nicht verliert. - Aber dafür muß man mal mit Überlegung in die Noten schauen, das ist natürlich aufwändiger, als darüber zu Schwätzen, was man da angeblich hört!
Das Einzige, was sich über diese Musik sagen läßt, ist ein Wort Rilkes, das für jede große Musik gilt, aber wohl am unmittelbarsten für die Skrjabins: „Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang den wir noch gerade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören“.
PS: Sicher ist meine Ansicht nicht die ganze Wahrheit. Was mich so gereizt macht ist jedoch, dass ich überall nur feuilletonistische Ansätze im Reden über Kunst sehe. Ich glaube, es wird Zeit, mal darauf aufmerksam zu machen, wie banal das ist, wie weit das an der Kunst vorbeigeht, und dass es längst überfällig ist, eine Kunstfertigkeit der Vermittlung von Kunstwerken zu entwickeln! (Empfehlenswert zu lesen dazu: “Das feulletonistische Zeitalter” von H. Hesse, als Einleitung zu seinem Roman “Das Glasperlenspiel”.)
Weiterer Beitrag von Winfried Lintzen (extern): Alexander Skrjabin: faustische Musik?